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Aufwachsen zwischen zwei Welten – was sind CODAs?

 

Die Abkürzung CODA steht für Children of Deaf Adults, also Kinder von gehörlosen Erwachsenen. Die Mehrheit dieser Kinder ist hörend und wächst daher unter ungewöhnlichen Umständen auf: Zuhause wird gebärdet, während in der Schule oder unter hörenden Freund:innen in Lautsprache kommuniziert wird. CODAs wachsen somit zwischen zwei Welten auf und sind sowohl Teil der Gehörlosencommunity als auch der hörenden Mehrheitsgesellschaft. Diese einzigartige Sozialisation ermöglicht es ihnen, sich mit zwei Kulturkreisen verbunden zu fühlen und von klein auf zwei Sprachen zu erlernen – Gebärdensprache und Lautsprache.

Die Erfahrungen, die viele CODAs teilen, können weder von hörenden Kindern in hörenden Familien noch von gehörlosen Kindern nachempfunden werden. Tibor, ein CODA aus Österreich, erzählt, dass viele CODAs sich dazu verpflichtet fühlen, für ihre Eltern zu dolmetschen, was zu einer Abhängigkeit führen kann. Bei ihm war das jedoch anders: „In manchen Situationen ist es einfacher, wenn ich das Dolmetschen übernehme, zum Beispiel im Restaurant. Das habe ich nie als Belastung wahrgenommen. Für wichtige Gespräche haben meine Eltern zum Glück auf professionelle Dolmetscher:innen zurückgegriffen“, erklärt Tibor.

Der Film „CODA“, der 2022 den Oscar als besten Film gewann, stellt diese Vermittlerrolle in den Mittelpunkt und zeigt die innere Zerrissenheit der jungen CODA, die zwischen den beiden Welten hin- und hergerissen ist. Sie muss oft als Dolmetscherin für ihre Eltern einspringen, während sie gleichzeitig ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse verfolgt. Tibor hebt hervor, wie wichtig es ist, als CODA Grenzen zu setzen. Der Austausch mit anderen CODAs hat ihm dabei geholfen, die Auswirkungen des Dolmetschens auf Kinder besser zu verstehen: „Bei CODA-Treffen tauschen wir uns aus, teilen Erfahrungen und sprechen über Herausforderungen. Diese Treffen haben mir die Augen geöffnet, vor allem beim Thema Kinder, die für ihre Eltern dolmetschen. Ich habe erkannt, dass das für viele eine Belastung darstellen kann“, sagt Tibor. „Es darf nicht zur Gewohnheit oder Zwang werden, das ist sehr wichtig.“

Gebärdensprachen spielen eine zentrale Rolle im Leben von CODAs. Tibor, der erst im Kindergarten die deutsche Lautsprache erlernte, erklärt: „Das Hochdeutsch, das ich heute spreche, kommt wohl daher, dass ich alles nach der Schrift gelernt habe.“ Das späte Erlernen der Lautsprache ist für CODAs nicht ungewöhnlich, was auch im Film „CODA“ thematisiert wird.

CODAs wachsen nicht nur mehrsprachig auf, sondern entwickeln eine außergewöhnliche Fähigkeit, zwischen visuellen und auditiven Sprachformen zu wechseln. „Gebärdensprachen lehren nicht nur Kommunikation mit den Händen, sondern auch Mimik, Gestik und Körpersprache. Das hat mir in vielen Situationen geholfen, etwa bei Bewerbungsgesprächen. Dort wurde mir gesagt, dass ich auffallend guten Augenkontakt halte – eine Eigenschaft, die ich durch die Gebärdensprache gelernt habe“, so Tibor.

Da Tibor in seiner Familie täglich mit den Herausforderungen der Inklusion und Barrierefreiheit konfrontiert ist, beschäftigen ihn diese Themen besonders. Er kritisiert, dass es nach wie vor wenig Möglichkeiten für CODAs gibt, selbst als Dolmetscher:innen tätig zu werden. „In den letzten 50 Jahren gab es viele Verbesserungen für die Inklusion von gehörlosen Menschen, aber im Bereich der Bildung gibt es noch viel nachzuholen“, betont Tibor.

Abschließend lässt sich festhalten, dass CODAs in einer besonderen Position zwischen der Gehörlosen- und der hörenden Gesellschaft stehen. Ihre Erfahrungen, vor allem im Bereich der Sprach- und Kulturvermittlung, prägen ihre Identität auf vielfältige Weise. Dennoch gibt es nach wie vor Herausforderungen, etwa in Bezug auf die Rolle als Dolmetscher:innen. Es ist wichtig, hier Grenzen zu setzen und den Austausch mit anderen CODAs zu pflegen.

Dieser Artikel ist im Rahmen des GebärdeSache-Newsletters entstanden. Hier kannst du dich für unseren monatlichen Newsletter anmelden:

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